Die klassische Bildung gibt es nicht mehr

Im frühen 20. Jahrhundert hat die bürgerliche Mittelschicht noch das Ideal, das sich Hunderte von Jahren in der wissenschaftlichen Elite herausgebildet hatte: universelle Bildung mit umfassenden Wissen in breiten Bereichen des Lebens. Lateinische Sprache, Kenntnisse der antike, naturwissenschaftliche Experimente, die Dichte und Lyrik - es gab eine Vielzahl von denen die gebildete Menschen kennen und können mussten. Dem Vorbild bekannter Forscher ihres Todes folgend, versuchte sich auch der bürgerliche Mittelstand an der Aneignung dieses Wissens.

Als klassische humanistische Bildung bezeichnet, wurde auch viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg dieses Ziel weiterhin als erstrebenswert angesehen. Allerdings zerstörten verschiedene Entwicklungen dieses Idealbild. Die Sechzigerjahre mit ihrer politischen Revolution brachten eine bewusste Abkehr von den alten Werten. Die betriebswirtschaftliche Orientierung der Unternehmen nahm an Bedeutung zu, während gleichzeitig durch die immer kompliziertere Technik und Forschung eben diese Aufgaben Spezialisten herausgebildet wurden.

Trend zur Spezialisierung

Immer mehr entwickelte sich der Trend zur Spezialisierung. Die komplexen wissenschaftlichen Grundlagen der Biowissenschaften sind heutzutage von einem Mathematiker, einem Ingenieur oder einem Theologen nicht mehr zu verstehen und nachzuvollziehen.

Diese Professionalisierung auf Spezialgebieten brachte natürlich erhebliche Vorteile, den Wissenszuwachs zu verarbeiten und in diesem Fachgebieten Innovationen herauszubringen

Risiko der fehlenden Vernetzung

Allerdings ist damit auch das Risiko verbunden, dass Forscher untereinander nicht mehr verstehen, und noch viel schlimmer, dass die Anwender eine Technologie ihren Hintergrund nicht kennen und verstehen. Damit geht aber eine dramatische Problematik einher. Die Vernetzung verschiedener Wissensbereiche geht verloren, Anwender sind nicht mehr in der Lage, Ziele für die Forschung zu setzen, die Wissenschaft gerät in Gefahr, Selbstzweck ohne Nutzen zu werden.

Entwicklung neuer Kommunikationsformen

Es wird daher in Zukunft immer mehr Aufgabe der Medien und Verlage sein, Veröffentlichungswege zu entwickeln, die die Kommunikation der Forscher miteinander aufrechterhalten, und die Anwender in diesem Prozess integrieren. Es setzt ein erhebliches Vermögen voraus, fachübergreifend Fragestellungen zu verstehen, und dann in einer Form wiederzugeben, die andere Menschen das verstehen ermöglicht. Die Aufgabe eines Redakteurs wird sich damit grundlegend verändern. Es ist sogar zu fragen, ob dies im Rahmen einer Publikation alleine überhaupt möglich ist.

Alternativ gibt es einen sehr positiven Trend, übergreifende Fachkonferenzen abzuhalten. Wenn es beispielsweise um die Behandlung von Krebs geht, müssen Pharmakologen, Genetiker, Mediziner, Biologen, Mathematiker, Statistiker und Ingenieure zusammenfinden, um einen sinnvolles Konzept für die Behandlung zu finden. Der Organisation und Dokumentation solcher Konferenzen wird damit in Zukunft eine noch steigende Bedeutung zukommen.
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